Physikalische Einflüsse

Stabilisiert sich die Gewichtsanzeige nicht, driftet das Resultat langsam in eine Richtung oder werden ganz einfach falsche Werte angezeigt, liegen die Ursachen häufig in unerwünschten physikalische Einflüssen.

Als häufigste Ursachen gelten:

  • Einflüsse des Wägeguts
  • Umgebungseinflüsse am Standort der Waage
  • Feuchtigkeitsaufnahme oder -abgabe des Wägeguts
  • Elektrostatisch geladene Wägegüter oder Gefässe
  • Magnetische Wägegüter oder Gefässe

Im nachfolgenden Kapitel gehen wir näher auf diese Einflüsse ein, erklären die Gründe dafür und beschreiben Massnahmen zur Abhilfe.
Inhalt
Wägerisiko minimieren

Minimize your weighing risk!Verbessern Sie die Kontrolle über Ihren Wägeprozess und sparen Sie Kosten.

Temperatur

temperature_problem.jpgProblem

Die Gewichtsanzeige eines Wägegutes driftet in eine Richtung.

Mögliche Ursachen

Die Waage ist noch nicht lange genug an die Stromversorgung angeschlossen.
Ein Temperaturgefälle zwischen Wägegut und Umgebung sorgt für Luftströmungen entlang des Wägegefässes. Die am Gefäss entlang streichende Luft erzeugt eine nach oben oder unten gerichtete Kraft. Das Wägeresultat weicht daher vom richtigen Wert ab. Diesen Effekt nennt man dynamischen Auftrieb. Er klingt erst ab, wenn sich ein Temperaturgleichgewicht eingestellt hat. Es gilt: Ein kalter Gegenstand erscheint schwerer ein warmer Gegenstand leichter. Dieser Effekt kann speziell bei Rückwägungen mit Semimikro-, Mikro- und Ultramikrowaagen zu Problemen führen.

Beispiel

temperature_example.jpgMit folgendem Experiment können Sie den dynamischen Auftrieb ausprobieren: Wägen Sie einen Erlenmeyerkolben oder ein ähnliches Gefäss und notieren Sie das Gewicht. Halten Sie das Gefäss ca. eine Minute in der Hand und wiederholen Sie die Wägung. Wegen seiner höheren Temperatur und des entstehenden Temperaturgefälles erscheint das Gefäss leichter. (Handschweiss spielt bei diesem Test keine Rolle. Die Probe würde dadurch sogar noch schwerer.)


Abhilfe

  • Keine Proben direkt aus dem Trockner bzw. Kühlschrank wägen
  • Wägegut an die Temperatur des Labors oder Wägeraums akklimatisieren
  • Probenbehälter mit Zange halten
  • Nicht mit der Hand in den Wägeraum greifen
  • Probengefässe mit kleiner Öffnung wählen

Feuchtigkeitsaufnahme/Verdunstung

Problem

moisture_problem.jpg Die Gewichtsanzeige eines Wägegutes driftet permanent in eine Richtung.

Mögliche Ursachen

Sie messen den Gewichtsverlust von flüchtigen Stoffen (z.B. die Verdunstung von Wasser) oder die Gewichtszunahme hygroskopischer Wägegüter (Feuchtigkeitsaufnahme aus der Luft).

Beispiel

Mit Alkohol oder Silika-Gel können Sie diesen Effekt nachstellen.

Abhilfe

moisture_measures.jpg Verwenden Sie saubere und trockene Wägegefässe und halten Sie die Wägeplattform frei von Verschmutzungen oder Tropfen. Die Verwendung von Gefässen mit kleinen Öffnungen schafft ebenso Abhilfe wie das Aufsetzen von Deckeln. Verzichten Sie auf Kork oder Kartonunterlagen für Rundkolben. Diese können in erheblichem Mass Feuchtigkeit aufnehmen oder abgeben. Metallische Dreieckshalter oder die entsprechenden „ErgoClips“ für die Excellence und Excellence Plus Waagenfamilie verhalten sich dagegen neutral.

Bei einer größeren Öffnung der Wägegefässe steigt das Risiko von Messfehlern durch Verdunstung oder Kondensation.

Elektrostatik

electrostatics_measures.jpgProblem

Die Wägung zeigt jedes Mal ein anderes Ergebnis an. Die Gewichtsanzeige driftet; sie lässt sich kaum wiederholen.

Mögliche Ursachen

Ihr Wägegefäss oder die Probe hat sich elektrostatisch aufgeladen. Materialien mit niedriger elektrischer Leitfähigkeit wie etwa Glas, Kunststoffe, Pulver oder Granulate können elektrostatische Ladungen nicht, oder nur sehr langsam (über Stunden) abfliessen lassen. Ausgelöst wird die Aufladung in erster Linie durch Berührung oder Reibung während der Behandlung bzw. des Transports von Behälter oder Material. Trockene Luft mit einer Luftfeuchte unter 40 % erhöht das Risiko dieses Effektes.

Die Wägefehler entstehen durch die elektrostatische Kraft zwischen dem Wägegut und der Umgebung. Dies kann vor allem bei Mikro-, Semimikround Analysenwaagen zu den geschilderten Wägeabweichungen führen.

Beispiel

Ein sauberes Glas oder Kunststoffgefäss, das mit einem Baumwolltuch leicht gerieben wird, zeigt diesen Effekt sehr deutlich.

Abhilfe

  • ergoclip_basket.jpgLuftfeuchte erhöhen. Das Problem tritt bevorzugt im Winter in beheizten Räumen auf. In klimatisierten Räumen kann die entsprechende Einstellung der Klimaanlage Abhilfe (45-60 % rel. Feuchte) erwirken.
  • Elektrostatische Kräfte abschirmen
    Stellen Sie das Wägegefäss in einen metallischen Halter.
  • Andere Wägegefässe verwenden
    Kunststoff und Glas laden sich schnell auf und sind daher ungünstig. Metall ist besser geeignet.
  • Antistatik-Pistolen verwenden.
    Die im Handel erhältlichen Produkte sind allerdings nicht in allen
    Situationen wirkungsvoll.
  • Externe oder interne Antistatik Kit’s von METTLER TOLEDO verwenden.

Bemerkung: Waage und damit auch die Waagschale sollten immer geerdet sein. Alle METTLER TOLEDO Waagen mit dreipoligen Netzsteckern sind automatisch geerdet.

attention.gif TIPP: Der Taragefässhalter “ErgoClip Basket” leitet Elektrostatik optimal ab und verhindert somit die beschriebenen Probleme wirkungsvoll bei Tubes und Reagenzgläsern.

Magnetismus

magnetism.jpgProblem

Ein Wägegut liefert je nach Position auf der Waagschale unterschiedliche Messergebnisse. Das Resultat lässt sich kaum wiederholen. Die Anzeige bleibt aber stabil.

Mögliche Ursachen

Sie wägen ein magnetisches Material. Magnetisierte und magnetisch permeable Gegenstände ziehen einander gegenseitig an. Die entstehende zusätzliche Kraft wird fälschlicherweise als Last interpretiert. Praktisch alle Gegenstände aus Eisen (Stahl) sind magnetisch stark permeabel (ferromagnetisch).


Abhilfe

ergoclip_flask.jpgWenn möglich, schirmen Sie magnetische Kräfte ab, indem das Wägegut z.B. in ein Gefäss aus Mu-Metall-Folie gelegt wird. Da die Kraft mit wachsendem Abstand abnimmt, hilft auch, das Wägegut mittels einer unmagnetischen Unterlage weiter von der Waage zu entfernen (z.B. Becherglas, Aluminiumständer). Dieselbe Wirkung hat eine Gehängedurchführung.
Diese so genannte Unterflurwägevorrichtung ist bei den meisten METTLER TOLEDO Mikro-, Semimikro-, Analysen- und Präzisionswaagen standardmässig integriert. METTLER TOLEDO verwendet vorzugsweise nichtmagnetische Werkstoffe, um diesen Effekt von vorne herein auszuschliessen.

attention.gifTIPP: Zum Wägen von mittleren und grossen Magneten mit Präzisionswaagen empfehlen wir zusätzlich eine “MPS-Waagschale” (Magnetic- Protection-System). Für Analysenwaagen empfehlen wir, einen Dreieckshalter zu verwenden. Er vergrössert den Abstand des Magneten zur Waagschale. Für Waagen der Linie Excellence und Excellence Plus bieten wir dafür spezielle “ErgoClips”.

Taragefässhalter “ErgoClip Flask” für Waagen der Linie Excellence und Excellence Plus.

Statischer Auftrieb

Effekt

buoyancy.jpgEin Wägegut besitzt an der Luft und im Vakuum nicht das gleiche Gewicht.

Grund:

«Das Gewicht eines Körpers ist gleich dem Gewicht des von ihm verdrängten Mediums» (Gesetz des Archimedes). Mit diesem Gesetz lässt sich erklären, warum ein Schiff schwimmt, ein Ballon fliegt oder die Gewichtsanzeige eines Wägeguts vom Luftdruck abhängig ist.

Das Medium, das unsere Wägegüter umgibt, ist Luft. Die Luftdichte beträgt etwa 1.2 kg/m3 (abhängig von Temperatur und Luftdruck). Der Auftrieb des Wägegutes (Körpers) beträgt also 1.2 kg pro Kubikmeter seines Volumens.

Beispiel

Legen wir eine 100 g Referenzmasse in ein Becherglas auf eine Balkenwaage und füllen anschliessend in ein gleiches Becherglas auf der anderen Waagschale soviel Wasser ein, bis der Wägebalken im Gleichgewicht ist, so haben beide Wägegüter, in Luft gewogen, das gleiche Gewicht. Verschliessen wir danach die Balkenwaage mit einer Glasglocke und erzeugen darin ein Vakuum, neigt sich der Wägebalken auf die Seite mit dem Wasser, da das Wasser wegen seines grösseren Volumens mehr Luft verdrängt und somit einen grösseren Auftrieb erfahren hatte. Im Vakuum entfällt nun dieser Auftrieb. Es befinden sich also im Vakuum mehr als 100 g Wasser auf der rechten Seite.


data1.gif


buoyancy_example.jpgAbhilfe

Die Empfindlichkeit der Waage wird mit Referenzgewichten der Dichte 8.0 g/cm3 justiert. Werden Wägegüter mit davon abweichender Dichte eingewogen, entsteht ein Luftauftriebsfehler. Besteht der Anspruch auf grosse relative Messgenauigkeit, empfiehlt es sich, das angezeigte Gewicht entsprechend zu korrigieren.

Bei Wägungen an verschiedenen Tagen wie z. Bsp. Rückwägungen oder Vergleichswägungen sollten Sie Luftdruck, Luftfeuchte und Temperatur kontrollieren und die Luftauftriebskorrektur wie folgt berechnen:formula1.gif


  1. Luftdichte berechnen

    expl1.gif
    buoyancy_measures.jpg
  2. Masse des Wägegutes bestimmen (Luftauftrieb korrigieren) formula2.gif


    expl2.gif


Beispiel

Anzeige der Waage 200.0000 g
Luftdruck 1018 hPa
Relative Luftfeuchte 70 %
Temperatur 20 °C
Dichte des Wägegutes 2600 kg/m3

formula3.gif

Gravitation

gravitation.jpgEffekt

Ändert sich die Höhe, erhält man andere Wägewerte. So ändert sich zum Beispiel die Gewichtsanzeige, wenn eine Wägung 10 m höher erfolgt (Wechsel vom 1. Stockwerk in das 4. Stockwerk eines Gebäudes).

Grund

Zur Bestimmung der Masse eines Körpers misst die Waage die Gewichtskraft, d.h. die Anziehungskraft (Gravitationskraft) zwischen der Erde und dem Wägegut. Diese Kraft ist im Wesentlichen von der geografischen Breite des Aufstellungsorts und von der Höhe über dem Meeresspiegel (Abstand vom Erdzentrum) abhängig.

gravitation1.jpgDabei gilt:

  1. Je weiter ein Gewicht vom Erdzentrum entfernt ist, desto kleiner wird die darauf wirkende Gravitationskraft. Sie nimmt mit dem Quadrat der Entfernung ab. formula4.gif
  2. Je näher ein Ort am Äquator liegt, desto grösser ist die Zentrifugalbeschleunigung, die er durch die Erddrehung erfährt. Die Zentrifugalbeschleunigung wirkt der Anziehungskraft (Gravitationskraft) entgegen.
    Die Pole sind am weitesten vom Äquator entfernt und haben den geringsten Abstand zum Erdzentrum. Hier ist die auf eine Masse wirkende Kraft am grössten.


Beispiel

Bei einem 200 g Gewicht, das im 1. Stockwerk genau 200.00000 g anzeigt, ergibt sich folgende Gewichtsveränderung im 4. Stockwerk (10 m höher):

formula5.gif


Abhilfe

Nivellieren und justieren Sie die Waage nach jedem Standortwechsel vor dem ersten Gebrauch.

attention.gif TIPP: Waagen mit eingebautem “FACT” (vollautomatische motorische Selbstjustierung) führen diese Justage selbstständig durch. METTLER TOLEDO Waagen der Reihe Excellence und Excellence Plus haben “FACT” serienmässig integriert.